Irgendwann im Laufe des Jahres 2026 soll es fertig werden. Das neue Trainingszentrum für die Damen, den Nachwuchs und die Akademiespieler des SK Sturm.
Der amtierende Doublesieger in Österreich investiert einen beträchtlichen Teil seiner Mehreinahmen der letzten Jahre in dieses Infrastrukturprojekt, was auch dringend notwendig war. Das aktuelle Gelände in Graz-Messendorf platzt aus allen Nähten und wird fast zur Gänze von der ersten Mannschaft in Beschlag genommen.
Damen und Nachwuchs, aktuell in der ganzen Stadt verstreut, bekommen eine Heimat und auch die Akademiespieler sollen, zumindest soweit es die neuen Kapazitäten zulassen, dort trainieren und ihre Matches austragen. Akademiespieler, die allerdings nicht Teil einer komplett von Sturm getragenen Ausbildungsinstitution sind. Seit über einem Jahrzehnt gibt es die "Akademie Steiermark-Sturm Graz", eine Kooperation zwischen dem Steirischen Fußballverband (StFV), der Schule HIB Liebenau und eben dem SK Sturm.
Die Rahmenbedingungen haben sich verändert
Für die Schwoazn war es damals, nachdem man nicht lange davor erst schwerste existenzgefährdende Turbulenzen überstanden hatte, die einzige Möglichkeit eine Ausbildungsstätte mit Akademiestatus zu bekommen. Das Land Steiermark half wegen der Kooperation mit dem Verband mit einer Förderung, Sturm musste nur einen Bruchteil des Geldes aufwenden, der sonst für eine Akademie notwendig wäre.
Sturm könnte sich also mit einer vereinseigenen Ausbildungsstätte für die nächste Evaluierung 2028 bewerben. Der frühere Sportchef der Grazer, Andreas Schicker, hat immer wieder Überlegungen zu einer eigenen "Sturm-Akademie" angestellt.
Inzwischen sind die Rahmenbedingungen komplett anders. Sturm ist wirtschaftlich konsolidiert, hat durch die erfolgreichen letzten Jahre sogar viel Geld verdient und ist unter anderem deshalb in der Lage, ein neues Trainingszentrum zu realisieren. Wäre diese neue Infrastruktur nicht eine gute Gelegenheit darüber nachzudenken, wieder eine eigene Akademie zu betreiben?
Der Vertrag mit dem StFV ist unbefristet, beinhaltet allerdings Kündigungsoptionen mit einer gewissen Vorlaufzeit. Der ÖFB, die übergeordnete Instanz für die Akademien des Landes, definiert die weiteren Parameter dazu. "Die derzeit gültigen Akademielizenzen wurden für vier Jahre, also bis inklusive der Saison 2027/2028 vergeben. Um eine Akademielizenz zu erhalten, müssen jene Kriterien erfüllt werden, die wir im Zuge der Neustrukturierung der Talenteförderung in dem dazugehörigen Regulativ definiert haben", erklärt Martin Scherb, der zuständige Mann beim Fußballbund.
Wer in der obersten Akademieliga spielt, entscheidet ein Punktesystem, das alle vier Jahre neu durchgeführt wird. Das nächste Mal eben 2028. Von allen Einreichungen spielen die zwölf am besten bewerteten Ausbildungsstätten in der ÖFB-Jugendliga, wie zum Beispiel Rapid, die Austria, Red Bull, die Akademie Tirol oder eben die AKA Steiermark-Sturm. Es werden aber auch darüber hinaus Akademien betrieben, die alle Kriterien erfüllen. Diese nehmen an der ÖFB-Jugendregionalliga teil. Aktuelle Beispiele dafür wären etwa Hartberg, Klagenfurt oder der GAK.
Autonomie und keine Verbandsinteressen
Welche Konstruktion bei einer Akademie vorliegt, spielt für Martin Scherb keine Rolle: "Uns als ÖFB liegt die bestmögliche Ausbildung der Talente am Herzen. Das steht über allem. Ob eine Talentefördereinrichtung von einem Landesverband oder einem Verein geführt oder als Kooperation betrieben wird, spielt für uns keine Rolle, solange die dazugehörigen Lizenzkriterien durchgängig erfüllt werden. Ein Punkt für uns ist auch die Regionalität und die Flächendeckung in Österreich. Talente sollen in ihrer näheren Umgebung überall im Land die Möglichkeit haben, eine Einrichtung besuchen zu können."
Zurück nach Graz. Sturm könnte sich also mit einer vereinseigenen Ausbildungsstätte für die nächste Evaluierung 2028 bewerben. Der frühere Sportchef der Grazer, Andreas Schicker, hatte dieses Thema auf seiner Agenda und immer wieder Überlegungen zu einer eigenen "Sturm-Akademie" angestellt. Gute Argumente dafür gibt es durchaus, wie Robert Urbanek, Technischer Direktor bei der Wiener Austria, erklärt. Die Favoritner betreiben seit dem Ende der BNZ-Struktur eine eigene Ausbildungsstätte und sind von diesem Weg überzeugt.

"Mit deiner eigenen Akademie bist du autonom", erklärt Urbanek. "Sowohl sportlich als auch im wirtschaftlichen Bereich entscheiden wir alleine. Wir sind frei von externen Interessen und Einflüssen, was ich als großen Vorteil ansehe." Kenner der Situation in der Steiermark, die nicht genannt werden wollen, sehen genau diese Einflüsse dort als Problem. Die Entscheidungsfindungen seien in der Akademie Steiermark-Sturm durch die drei beteiligten Player immer wieder recht mühsam.
Sturm plant keine Veränderung
Bei Sturm strebt Schicker-Nachfolger Michael Parensen trotzdem kein Ende der Kooperation mit dem Verband an. Der Sturm-Sportchef sieht im Gespräch mit 90Minuten.at einen sehr guten Output der Akademie. "Wir haben auch regelmäßig Spieler im Training der ersten Mannschaft dabei und sie machen dort einen sehr guten Eindruck", fügt Parensen hinzu.
"Die personelle Besetzung der wichtigsten Personen in der Akademie bestimmen wir", erklärt der sportlich Verantwortliche bei Sturm weiter. "Wir haben die Entscheidungshoheit über die Aufnahme der Talente, die Trainingsinhalte hinsichtlich Spielidee und die Verfügbarkeit der Spieler für Sturm II oder die Bundesligamannschaft. Wir sind bei allen sportlichen Belangen im Fahrersitz." Hinsichtlich der Trainingsmöglichkeiten sei man derzeit aber auf die Verbandsinfrastruktur angewiesen.
Das würde sich auch mit dem neuen Trainingszentrum in spätestens zwei Jahren nur zum Teil ändern. Mit den vielen Teams, die es unter einen Hut zu bringen gelte, würden die Kapazitäten der neuen Anlage für den täglichen Trainingsbetrieb ohnehin nicht ausreichen. Auch deshalb will Michael Parensen über ein Ende der Kooperation mit dem StFV im Moment nicht nachdenken. "Wir haben mit dem Verband einen wertvollen Partner, der uns außerdem im Zusammenspiel mit dem Land Steiermark auch fördert." Die Ausbildungsstätte sei deshalb offen für alle, da Sturm aber an den sportlichen Hebeln sitzt, sieht Parensen keinen Bedarf, am Status Quo etwas zu verändern.
Wir betreiben Trainerscouting und interne Lehrgänge auf Nachwuchslevel. Dabei legen wir dar: Wie wollen wir ausbilden, wie machen wir das methodisch und wie bringt man das alles am besten auf den Platz.
Beim Thema "für alle" schwingt von mancher Seite aber auch Skepsis mit. Im Verband gäbe es Einflüsse und Interessenslagen, die teilweise nicht unbedingt mit denen von Sturm konform gehen würden, sagen nicht wenige. Neben der Talenteförderung ist bei Überlegungen zu einer eigenen Akademie auch die Trainerschiene ein Thema. "Wir betreiben Trainerscouting und interne Lehrgänge auf Nachwuchslevel. Dabei legen wir dar: Wie wollen wir ausbilden, wie machen wir das methodisch und wie bringt man das alles am besten auf den Platz", erklärt Robert Urbanek von der Wiener Austria.
Eine Akademie ist ein Kostenfaktor

Die Auswahl der Trainer sei außerdem in Wien-Favoriten beim Nachwuchs der wichtigste Investitionsposten überhaupt. Immer mit dem Anspruch, Leute zu haben, die im Klub später auch im Profibereich Aufgaben übernehmen können. Ob das in der Kooperationskonstellation in Graz derzeit auch der Fall wäre, darf bezweifelt werden. Nicht umsonst wurde der zuletzt vakante Posten des Sturm II-Trainers mit einer externen Person besetzt. Für den strukturierten und zielgerichteten Aufbau eigener "Sturm-Zukunftstrainer" bedürfte es wohl einer autonomen Lösung.
Eine Akademie mit Trainerförderung und dem Nachwuchs darunter, ist in jedem Fall ein großer Kostenfaktor. Zusätzlich fielen ohne StFV auch die Förderungen weg. Sturm müsste also einiges an Geld in die Hand nehmen, würde man in dem Bereich auf eigenen Füßen stehen wollen. Möglicherweise ist auch das ein Grund, warum die Entscheidungsträger bei den Schwoazn hier auf der Bremse stehen. Lieber verfolgt man strategische Partnerschaften, die auch nichts kosten. Eine Kooperation mit der seit der "Causa Commerzialbank" ein wenig verwaisten AKA Burgenland wurde zum Beispiel ins Leben gerufen.
"Ausbildung darf nicht auf Kosten der Qualität der ersten Mannschaft passieren. Der sportliche Erfolg ganz oben steht über allem. Im besten Fall gehen Erfolg und die Ausbildung eigener Spieler aber Hand in Hand."
Wissenstransfer, einheitliche Spielphilosophie und das duale Ausbildungsmodell sollen zwischen Steiermark und Burgenland forciert werden. "Wir wollen die Spitzenentwicklung noch weiter stärken und fördern", erklärt Sturm-Präsident Christian Jauk. Einbringen werde man sich auch im ärztlichen und sportpsychologischen Bereich. Der wesentliche, nicht sehr konkret ausgesprochene Aspekt, wird aber die Möglichkeit für Sturm sein, sich privilegiert die burgenländischen Top-Talente für die Bundesliga zu sichern.
Österreichische Klubs verfolgen wirtschaftlich in Sachen Spielerentwicklung und Ausbildung ein vorrangiges Ziel: Daraus auch einen Profit zu lukrieren. Dabei gibt es zwei Wege, selbst ausbilden oder einkaufen und durch Entwicklung Wertsteigerung erzielen. Der Sturm-Sportdirektor dazu: "Es ist ein gleichwertiges Ziel, neben dem Scouting junger Talente auch eigene Leute auszubilden, die später ganz oben mitspielen. Hinsichtlich Output gibt es natürlich aktuell eine Schieflage. Leute direkt zu beobachten und nach unseren Ansprüchen auszusuchen ist effizienter. Im Nachwuchs kann man viel auf den Weg bringen, wir sind aber von viel mehr Faktoren abhängig und es benötigt Zeit."
Und am Ende des Tages bleibe eines das oberste Ziel, so Parensen: "Ausbildung darf nicht auf Kosten der Qualität der ersten Mannschaft passieren. Der sportliche Erfolg ganz oben steht über allem. Im besten Fall gehen Erfolg und die Ausbildung eigener Spieler aber Hand in Hand."
Ausbilden für die eigene "Erste"
Im violetten Wien sieht man den größeren Hebel in der eigenen Ausbildung. "Wenn ich das nötige Kleingeld habe, um junge Spieler zu verpflichten, die sich nach entsprechender Leistung gut weiterverkaufen lassen, ist das eine valide Gangart. Trotzdem sehe ich bei Spielern aus der eigenen Akademie einen ganzheitlichen Vorteil. Auf der einen Seite hat ein international gekaufter Spieler schon ganz andere Gehaltsvorstellungen, auf der anderen Seite können wir Spieler aus der eigenen Akademie länger begleiten und für unsere Ideen entsprechend ausbilden. Wir haben hier die Möglichkeit, sie behutsam mit Einsatzzeiten heranzuführen. Siehe Philipp Maybach und Konstantin Aleksa in der aktuellen Saison", so Robert Urbanek von der Austria.
In jedem Fall ist die Perspektive für junge Spieler im eigenen Klub wesentlich. "Wir sind ein Verein, der eine gewisse Strahlkraft besitzt und die Jugendlichen gehen nicht umsonst zur Austria," sagt der Technische Direktor. "Primäres Ziel für jeden bei uns muss es sein, die Leute für unsere erste Mannschaft auszubilden. Das ist zugleich auch die Existenzberechtigung für den Akademiebetrieb."
Unser Ziel muss sein, ein adäquates Angebot für die Jugendlichen aus der Region zu schaffen, das zeigt: auch hier hast du eine Top-Ausbildung.
Bei Sturm spricht man auch viel und oft über die Anbindung an die "Erste", den Bundesliga-Trainingskader mit Nachwuchsspieler und derlei Dinge. Nur: Die Durchlässigkeit lässt seit vielen Jahren zu wünschen übrig. Immer wieder gab es den einen oder anderen, der mit viel Potenzial als Zukunftshoffnung für die Kampfmannschaft beschrieben wurde. Geschafft hat es tatsächlich kaum einer. Ganz anders bei der Austria oder auch beim direkten Konkurrenten in Wien, bei Rapid.
Ob das nun an der Form der Akademie liegt oder an einem grundsätzlich anderen Bekenntnis zum eigenen Nachwuchs, ist wohl nicht eindeutig zu beantworten. In jedem Fall aber ist es ein Zeichen an und für die jungen Kicker, wenn ein Verein selbst eine Talenteförderung betreibt, wo man alles in eigener Hand hat. Nicht zuletzt erhöht es die Glaubwürdigkeit im andauernd großen Konkurrenzkampf um die besten Spieler der nachfolgenden Generationen.
Nachwuchsarbeit als Identifikationsfaktor
Robert Urbanek hält dazu fest: "Wir positionieren uns dabei ganz dezidiert mit der individuellen Ausbildung der Spieler. Die Ergebnisse in den Jugendligen sind nicht im Vordergrund. Wir konzentrieren uns auf die bestmögliche Talenteförderung in Hinblick auf unsere erste Mannschaft, damit wir Spieler nach oben bringen können." Der "Endgegner" im Buhlen um den besten Nachwuchs ist, wie auch in der Bundesliga, der finanziell allen überlegene Red Bull-Konzern.
Michael Parensen sieht es als Faktum an, dass es dort ganz andere Möglichkeiten gibt, die viele Talente anziehen würden. "Unser Ziel muss sein, ein adäquates Angebot für die Jugendlichen aus der Region zu schaffen, das zeigt: auch hier hast du eine Top-Ausbildung, super Entwicklungsmöglichkeiten über die Akademie und die zweite Mannschaft und du hast eine Anbindung an die erste Mannschaft", beschreibt Sturms Sportchef die Zielsetzung für die Akademie Steiermark-Sturm.
Bei Sturm sollte man vielleicht in naher Zukunft entgegen der derzeitigen Haltung noch den einen oder anderen Gedanken daran verschwenden, sich der Talenteförderung wieder ganzheitlich und mit einer "Inhouse-Lösung" anzunehmen.
Nicht zuletzt ist das Thema Identifikation vor allem für Traditionsvereine wichtig. Den Fans solcher Vereine, liegen nicht nur die Performance der ersten Mannschaft, die Geschichte und die Werte des Klubs oder das Stadionerlebnis am Herzen. Auch die Rahmenbedingungen und die Wertigkeit des eigenen Nachwuchses spielen eine große Rolle. So auch bei der Wiener Austria, wie Robert Urbanek erklärt. "Ich sehe das Thema Identifikation für uns in der Akademie als sehr wichtig an. Die Fans sind am Gesamtkonstrukt und insbesondere auch am eigenen Nachwuchs sehr interessiert. Das gilt gleichermaßen für die Gremien im Klub, die immer wieder starkes Interesse an unserer Arbeit zeigen."
Bei Sturm gab es in den letzten Jahren, den sportlichen Erfolgen geschuldet, wenig Kritik zu hören. Wenn etwas moniert wurde, war es – vor allem unter traditionsbewussten Fans – der geringe Stellenwert des eigenen Nachwuchses. Jahr für Jahr wurden die Chancen für die Jugend in dem Ausmaß geringer, in dem der Erfolg des Klubs größer wurde. Das Thema Identifikationsverlust war durchaus eines, das man an der einen oder anderen Stelle zu hören bekam.
Akademie als Investition für schlechte Zeiten

"Wir bauen auf unsere Jugend", heißt es nicht zuletzt im Leitbild der Schwoazn. "Im Laufe seiner Geschichte hat der SK Sturm zahlreichen Talenten den Weg nach oben und in die Kampfmannschaft geöffnet. Die bestmögliche Ausbildung und Förderung unseres Nachwuchses und die laufende Suche nach talentierten Jugendlichen werden stets wichtiger Bestandteil unseres Vereines bleiben und sollen zu künftigen Erfolgen beitragen", steht in den Grundsätzen von Sturm weiters geschrieben.
Damit sogenannte Eigenbauspieler wieder zum Erfolg des amtierenden Meisters beitragen können, wird es in jedem Fall ein stärkeres Forcieren des Nachwuchses im Klub brauchen. Das bedeutet einerseits den Mut, die vorhandenen Talente auch sichtbar zu machen und mit Einsatzzeit zu versehen, Stichwort Leon Grgic. Andererseits sollte man vielleicht in naher Zukunft entgegen der derzeitigen Haltung noch den einen oder anderen Gedanken daran verschwenden, sich der Talenteförderung wieder ganzheitlich und mit einer "Inhouse-Lösung" anzunehmen.
Es werden sportlich auch wieder schlechtere Zeiten kommen, die internationalen Talente sind vielleicht wieder schwerer zu verpflichten und die Kritik an den mangelnden Identifikationsmöglichkeiten von Seiten der Fans könnte dann auch wieder lauter werden. In den guten Zeiten hat man die Möglichkeit für die schwereren vorzubauen. Das Thema der eigenen Akademie ist ein kostspieliges, aktuell hätte man dazu einen Spielraum. Diesen Spielraum sollte man nützen.