ÖFB und Olympia: Skandalsilber, Schweden, Umstandsmeier
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ÖFB und Olympia: Skandalsilber, Schweden, Umstandsmeier

Österreichs Fußballer:innen und Olympia: Das hat bisher nur selten gepasst. Vier Teilnahmen hat es gegeben, eine kontroverse Silbermedaille ist die Ausbeute.

Wer im Jahr 2024 und darüber hinaus aus Europa zu einem olympischen Fußballturnier fahren will, hat es nicht leicht - Austragungsländer ausgenommen.

Bei den Männern müsste das U21-Nationalteam zumindest ins Halbfinale einer Europameisterschaft, die Frauen unter die Top 3 der Women's Nations League. Den hohen Anforderungen entsprechend weit entfernt war Österreich über die letzten Jahrzehnte von einer Teilnahme und wird es wohl vorerst auch bleiben.

Jetzt, wo es in Paris ernst wird, macht 90minuten einen Blick zurück in vielleicht nicht bessere, aber zumindest sportlich erfolgreichere Zeiten.

Die "Spielverderber" in Wien

Noch bevor eine österreichische Fußballmannschaft bei Spielen in Erscheinung trat, hatte 1908 die bröckelnde Habsburgermonarchie einen einigermaßen spektakulären Auftritt - wenn man so will als Schreibtischtäter. Zum ersten Mal waren beim Großereignis auch Fußball-Nationalmannschaften in einem eigenen Turnier vertreten.

Österreich, das mit nur sieben Athleten eine insgesamt kleine Delegation nach London entsandte, hatte eine Teilnahme früh abgelehnt. Anders lauteten allerdings die Pläne der Kronländer Ungarn und Böhmen, in Wien sorgte das für Unbehagen. 

Die Konsequenz: Beide Mannschaften mussten ihre Teilnahme wenige Tage vor der Eröffnung zurückziehen, ein ähnliches Schicksal traf auch die ungarischen Wasserballer. Besonders auf die Tschechen hatten es der Kaiser und seine Behörden damals abgesehen: Ein Jahr zuvor hatten Sie versucht, einen eigenen Verband zu gründen und in die FIFA einzugliedern - in propagandistisch angeleiteten Zeitungen wurde das als "Komödie" und "hinterlistige Schleicherei" betitelt.

Jedenfalls war die Episode ein unrühmlicher erster Berührungspunkt mit dem olympischen Fußball.

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Österreich im Testspiel gegen Tottenham Hotspur

Mit englischem Know-How nach Schweden

Vier Jahre später war es dann so weit: 1912 durfte eine österreichische Abordnung zum olympischen Fußballturnier nach Stockholm reisen. Von einer Qualifikation war damals keine Rede, wer wie das österreichische Komitee eine Mannschaft stellen wollte und das nötige Kleingeld dafür parat hatte, war auch dabei. 

Um die rot-weiß-roten Kicker entsprechend auf ihren Auftritt vorzubereiten, wurde Tottenham aus England nach Wien eingeladen und 3:0 geschlagen. Der überzeugende Auftritt der Österreicher wurde einigen damals prominenten Nationalspielern, die einen Einsatz bei ihrem Verein vorzogen, zum Verhängnis: Der eigens für die Spiele engagierte englische Trainer Jimmy Hogan ließ sie kurzerhand zu Hause.

Kantersieg gegen Deutschland

Die meisten Namen des 17 Mann starken Kaders sind heute unbekannt. Einige starben wenige Jahre später im Ersten Weltkrieg, andere kehrten nach ihrer Zeit als Soldaten nicht zum Sport zurück. Am ehesten zu nennen sind Johann Studnicka, Heinrich Retschury, Ludwig Hussak und Josef Brandstätter - allesamt auf verschiedene Art prägende Figuren für die frühe Phase des österreichischen Fußballs. Neben Hogan war zudem mit Hugo Meisl eine weitere wichtige Figur vertreten. Sie alle residierten gemeinsam im Grand Pensionat Dehn, 15 Minuten vom königlichen Stockholmer Schloss entfernt. 

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Österreichs Olympiamannschaft im Jahr 1912

Aus den insgesamt 13 teilnehmenden Mannschaften wurde Österreich für das Achtelfinale Deutschland zugelost, 2.000 Zuschauer:innen - eine große Zahl für damalige Verhältnisse - bekamen einiges geboten. Zuerst übernahm Deutschland vor der Pause die Führung. Dann, rund 12 Minuten nach Wiederbeginn, krachte der deutsche Tormann Albert Weber mit seinem Mannschaftskollegen zusammen und brach wenig später zusammen.

Gleichzeitig traf Studnicka zum Ausgleich. Bei Weber wurde später im Krankenhaus - je nach Quelle - ein Hitzeschlag oder eine Gehirnblutung diagnostiziert. Jedenfalls sah das Regelwerk damals noch keine Auswechslungen vor, ein deutscher Feldspieler musste ins Tor und in der Folge viermal hinter sich greifen. Bei 35 Grad wurden die dezimierten Gegner überrollt, der Endstand lautete 5:1.

Ruhetage waren 1912 noch nicht in den Turnierplan eingebaut, schon am nächsten Tag warteten die Niederlande auf Österreich. Gegen die späteren Gewinner der Bronzemedaille blieb die ÖFB-Auswahl chancenlos, nach einem 1:3 waren alle gehegten Hoffnungen dahin. 

Es sollte die letzte Niederlage gegen die Niederlande für mehrere Jahrzehnte bleiben, mehr dazu gibt es hier zu lesen (Artikel wird darunter fortgesetzt):


Auch im Turnier um den vom schwedischen Verband gestifteten Trostpreis - es wurden besondere Silbermedaillen angefertigt - ging man letztendlich als Verlierer vom Platz, im Finale konnte sich ausgerechnet Ungarn mit 3:0 behaupten.

Ausschluss, Absage und acht Jahre Pause

Bei den nächsten Olympischen Spielen im Jahr 1920 wurde Österreich wie Ungarn und Deutschland als wesentliche Kriegsbeteiligte die Teilnahme untersagt. Vier Jahre später wäre man wieder eingeladen gewesen, konnte sich aber schlicht kein Fußballteam leisten.

In späteren Zeiten wird die Regierung statt Milliarden für eine Armee Bewaffneter, Millionen für die Armee der sporttreibenden Jugend zur Verfügung stellen. Jetzt aber heißt es noch: Freiwillige Spender vor!

Illustriertes Sportblatt (1924)

Ein Aufruf im 'Illustrierten Sportblatt' zur damaligen Zeit lautete: "In späteren Zeiten, wenn Österreichs Sanierung geglückt ist, wird die Regierung selbst statt Milliarden für eine Armee Bewaffneter, Millionen für die Armee der sporttreibenden Jugend zur Verfügung stellen. Jetzt aber heißt es noch: Freiwillige Spender vor!"

1928 wurde erneut nichts aus einer Teilnahme, diesmal wieder aus freieren Stücken. Österreich hatte sich wie Ungarn und die Tschechoslowakei für einen Umstieg zum professionellen Fußball entschieden, viele Nationalspieler hätten die olympischen Amateurkriterien nicht mehr erfüllt. Auch andere Länder waren gerade dabei, ihre Strukturen zu verändern - die Situation war einigermaßen kompliziert, 1932 wurde in Los Angeles daher ganz auf das Fußballturnier verzichtet.

Unrühmliche Spiele in Berlin

Damit sind wir im Jahr 1936 angekommen. Die Spiele von Berlin wurden durch das NS-Regime propagandistisch aufgezogen und ausgeschlachtet, im Hintergrund liefen Planungen für einen Angriffskrieg, die jüdische Bevölkerung war Hetze und umfassender Diskriminierung ausgesetzt.

Ausgerechnet in diese Zeit fällt der größte österreichische Erfolg im olympischen Fußball. Im Vorfeld des Turniers gab es wieder Kontroversen über die Amateurregelung, einige Nationen verweigerten ihre Teilnahme. Das IOC definierte seine Grenzen damals so: "Als Fußballamateure sind jene Fußballer zu bezeichnen, die während ihrer sportlichen Tätigkeit nie Berufsspieler waren und nie Entschädigung für etwaige, durch ihre sportliche Tätigkeit entstandene Arbeitslohnverluste erhalten haben."

Das war allerdings kaum kontrollierbar, ein Wettbewerb unter gleichen Bedingungen somit eigentlich nicht möglich. Vor allem Großbritannien sorgte mit seinem gemeinsamen Team für Aufsehen, da auch Spieler des schottischen Klubs Queens Park nominiert waren - eine reine Amateurmannschaft, die aber in die eigentlich professionelle höchste Spielklasse eingegliedert war. Österreich galt als klarer Außenseiter, die erneut von Jimmy Hogan geleitete Mannschaft bestand aus No-Names, das "Wunderteam" durfte nicht antreten.

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Die Silbermedaillengewinner von 1936

Skandal gegen Peru

Trotzdem gelang im Achtelfinale ein Erfolg gegen eigentlich stark eingeschätzte Ägypter, in der nächsten Runde folgte ein Skandal. Gegen Peru setzte sich Österreich früh mit 2:0 ab, kassierte aber kurz vor dem Schlusspfiff den Ausgleich.

Schon zu diesem Zeitpunkt fühlten sich beide Seiten ungerecht behandelt, wirklich rund ging es dann aber in der Verlängerung. Von fünf im Anschluss erzielten Toren erkannte der Schiedsrichter zwei an.

Der darauf folgende Platzsturm einer Handvoll peruanischer Anhänger - viele können es angesichts der geringen Zuschauer:innenzahl von rund 5.000 nicht gewesen sein - zog laut österreichischer Darstellung Verletzungen bei mehreren Spielern nach sich. Von den Rängen sollen Sprechchöre zu hören gewesen sein: "Hinaus aus Europa." Einem ÖFB-Einspruch gegen das Ergebnis wurde von einem rein europäischen Senat stattgegeben, zum Wiederholungsspiel trat Peru aus Protest nicht an.

Der Sieg am grünen Tisch ist aufgrund der dünnen Faktenlage und mangelnden Objektivität vieler Funktionäre bis heute kontrovers. Im Halbfinale hatte Österreich keine Probleme mit Polen, erst im Finale, das im vollen Berliner Olympiastadion ausgetragen wurde, scheiterte die ÖFB-Auswahl an der italienischen Mannschaft.

Mehr über die Geschichte des Olympiastadions gibt es hier zu lesen (Artikel wird unten fortgesetzt):


Harte Brocken in London

Drei Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges durfte Österreich eine Mannschaft zu den Olympischen Spielen nach London schicken. In der Vorbereitung wurden Breitensee und der Nußdorfer AC vom Nationalteam mit 12:0, respektive 14:2 demontiert. Im Gegensatz zu den weitgehend unbekannten Silbermedaillengewinnern von 1936 konnte man 1948 einige immer noch klingende Namen aufbieten: Ernst Happel, Ernst Ocwirk, Walter Zeman und Alfred Körner zum Beispiel.

Dabei war die Amateurregelung theoretisch immer noch ein Problem: Österreichs Spielerauswahl samt vieler Jungprofis ließ sich nur rechtfertigen, weil die anderen Nationen keine "echteren" Amateure vorweisen konnten. Im Achtelfinale wurde dem ÖFB Schweden zugelost, gegen die man erst zwei Wochen zuvor knapp verloren hatte.

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Österreichs Olympiadelegation für die Spiele in London 1948

Wohnen bei der Royal Air Force

Trotzdem war die Stimmung im österreichischen Lager zuversichtlich. Angesichts der Qualität beider Teams war die Rede von einem vorgezogenen Endspiel. Kapitän Willi Hahnemann erklärte gegenüber Medien: "Wir müssen ja gewinnen, sonst werden wir sofort wieder nach Wien zurückgeschickt." In London hatte man sich erst wenige Tage vor dem Auftakt eingelebt. Gemeinsam mit anderen Nationen bewohnte Österreich ein ehemaliges Lager der Royal Air Force am äußersten Stadtrand, laut Berichten fühlte man sich schnell wohl.

So schrieb beispielsweise die 'Welt am Abend': "Ehre, wem Ehre gebührt, die meiste Ordnung herrscht bei den vielgelästerten Fußballern. Sie sind wirklich eine Einheit. Sie haben der Lagerverwaltung sogar ins Geschäft gepfuscht und einen Stubendienst eingeteilt."

Lange Leitung und "Umstandsmeier"

Am 2. August stand man dann Schweden gegenüber. Der Tottenham Hotspur Footballground wurde von strömendem Regen begossen, die Zuschauer:innenzahlen wurden damals trotzdem auf 25.000 bis 35.000 beziffert. Sie alle sahen überlegene Schweden und eine österreichische Mannschaft, die kaum wiederzuerkennen war.

Statt auf gepflegtes Spiel setzte man in der Not auf Kick-and-Rush, verlor aber zu viele Zweikämpfe, um Erfolg zu haben. Sportreporter verschiedener Zeitungen klagten über eine "lange Leitung in der Defensive" und "Umstandsmeier in der Offensive" - andere fanden Lob für die bemühte Verteidigung um Happel und Karl Kowanz. Letzterer sah in der 68. Minute die Rote Karte und besiegelte damit quasi das Aus im ersten Spiel. Die Schweden - rund um das legendäre Trio Gunnar Gren, Gunnar Nordahl und Niels Liedholm - krönten sich wenig später zu Olympiasiegern.

To be or not to be

Seinen bis heute letzten olympischen Fußball-Auftritt hatte Österreich im Jahr 1952. Erst einen Tag vor der ersten Runde am 19. Juli wurden die Paarungen ausgelost, auf das rot-weiß-rote Team sollte ausgerechnet Gastgeber Finnland treffen.

Wiederholt hat Lindman hier in Helsinki mit Erfolg den Hamlet gegeben. Deshalb sein etwas außergewöhnlicher Schlachtruf in entscheidenden Phasen großer Spiele: 'To be or not to be...'"

Wiener Kurier über finnischen Verteidiger

Skandinavisches Doppel

Auf dem Platz lieferten sich Österreich und Finnland vor 33.000 Zuschauer:innen in Helsinki ein packendes Duell. Die Führung wechselte mehrmals zwischen beiden Teams, am Ende behielt der ÖFB mit 4:3 die Oberhand.

Als nächster Gegner wartete erneut Schweden: Die durch den Wechsel mehrerer Leistungsträger in die Serie A geschwächte Titelverteidiger gerieten schnell in Rückstand, schlugen in den letzten zehn Minuten des Spiels aber gleich dreifach zu. Im weiteren Turnierverlauf mussten die Skandinavier eine bittere 0:6-Pleite gegen den späteren Sieger Ungarn um Ferenc Puskás und Sándor Kocsis wegstecken, durften sich am Ende aber über Bronze freuen.

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Das Olympiastadion der Spiele in Helsinki 1952

Das war's

Seither wurde eine Qualifikation mehrmals knapp verpasst, zuletzt 2019 hätte das ÖFB-Team um Xaver Schlager, Philipp Lienhart, Kevin Danso, Stephan Posch und Christoph Baumgartner bei der U21-EM entweder einen Sieg gegen Dänemark oder Deutschland gebraucht. Die drei Punkte blieben aber aus, für den ÖFB trotz ordentlicher Leistungen nur der dritte Gruppenplatz. 

Die letzte Olympia-Teilnahme der österreichischen Fußballer liegt über 70 Jahre zurück, die Frauen waren seit der Einführung des Bewerbs 1996 noch gar nicht dabei. Es bleibt zu hoffen, dass das Warten bald ein Ende hat.



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