Willi Ruttensteiner: ‘Wir müssen in der Spielanlage mehr riskieren’

  • Geschrieben von Michael Fiala

Willi Ruttensteiner Sept 2016 Gepa PicturesWie muss man sich die Analyse zwischen Teamchef und Sportdirektor vorstellen? Wie stark kann ein Sportdirektor einem Trainer “dreinreden”? Und welche Schlüsse hat Willibald Ruttensteiner aus dem ernüchternden 2016er-Jahr gezogen? Diese und andere Fragen hat der ÖFB-Sportdirektor im ausführlichen Interview mit 90minuten.at beantwortet. Das Gespräch führte Michael Fiala.

 

Ein Interview mit dem Papst hätte 90minuten.at im Jahr 2016 wohl eher bekommen als eines mit Teamchef Marcel Koller. Viele, interessante Fragen haben sich aus dem Abschneiden bei der Euro 2016 und dem Start in die WM-Quali ergeben. Doch Koller blieb hart und uns das Nachsehen. Immerhin: Sportdirektor Willibald Ruttensteiner stellte sich wenige Tage vor Weihnachten den Fragen, in denen es vor allem darum geht, wie die Zusammenarbeit zwischen dem Sportdirektor und dem Teamchef eigentlich aussieht, welche Schlüsse aus der - laut ÖFB - intensiven Analyse gezogen wurden und was man sich von Koller, Alaba & Co im Jahr 2017 erwarten muss.

 

90minuten.at: Was hat das ÖFB-Team im Jahr 2016 nicht mehr geschafft, was es 2015 stark gemacht hat?
Willi Ruttensteiner: Punkte. (denkt kurz nach) Eine sehr schwierige Frage, die man herunterbrechen und auf einzelne Faktoren aufteilen muss. Ich glaube, dass es 2015 einen Riesenhype um das Team gab, es wurden mit den neun Siegen und einem Unentschieden sehr viele Punkte erspielt. Ich habe damals schon gesagt, dass wir vielleicht nicht so gut waren, wie wir medial dargestellt worden sind, weil sich jeder wahnsinnig gefreut hat. Im Gegensatz dazu haben wir bei der Euro die Punkte nicht gemacht. Das Ergebnis brauchen wir auch nicht schönreden, das war nicht befriedigend. Aber grundsätzlich war es so, dass wir nicht so schlecht waren, wie wir in den Medien dann 2016 aber beschrieben wurden.

 

Können Sie das anhand der Spiele bei der Euro so beurteilen?
Wenn wir die Spiele der Euro hernehmen, beginnt es mit Ungarn, Portugal waren wir glücklich. Gegen Island in der 72. Minute, eine 1:1-Situation, Schöpf haut den Ball rein und es würde 2:1 für Österreich stehen und es läuft alles ganz anders. Gegen Wales, Serbien und Irland waren wir nicht unbedingt die schlechtere Mannschaft. Wir haben in der Offensive zu wenig Tore erzielt und waren in der Defensive nicht stabil genug.

 

Immer wieder wurde die intensive Analyse betont. Wie kann man sich die Analyse zwischen Ihnen und dem Teamchef vorstellen?
Ich denke, dass zuerst jeder für sich selbst analysiert. Am Beispiel der Euro: Die drei Spiele habe ich Minute für Minute, also wirklich jede Minute analysiert. Auch hier habe ich über das AmiscoPro-System, wo man das Feld von oben in der Totalen mit allen Spielern sieht, diese Spiele analysiert, um genau zu sehen: Was ist am Spielfeld passiert? Mit meiner Analyse und jener des Teamchefs setzt man sich dann zusammen und bespricht die Spiele durch. Man versucht dann jede Detailsituation zu analysieren und daraus Schlussfolgerungen zu ziehen. Da geht es um eine physische, technisch-taktische Betrachtung, aber auch um eine Spielerbetrachtung. Das ist, glaube ich, auch eine wichtige Aufgabe des Sportdirektors. Ich war auch bei ihm in der Schweiz und habe Marcel Koller nach der Euro besucht, wo wir in einer Art Klausur das alles genau analysiert und besprochen haben. Und ich habe auch Verständnis, dass die Medien hier Interesse zeigen. Ich muss da auch nicht immer einer Meinung mit dem Teamchef sein, man kann Themen kritisch ansprechen. Diese Dinge, das habe ich auch schon bei der letzten Pressekonferenz erwähnt, können aber nur unter vier Augen bleiben.

 

Inwieweit greifen Sie dann auch in die Arbeit des Teamchefs ein, wenn Sie nicht einer Meinung sind?
Karl-Heinz Rummenigge hat das zuletzt beim Spiel zwischen Bayern und RB Leipzig ganz gut auf den Punkt gebracht. Er wurde zur Aufstellung von Bayern kritisch befragt. Er meinte sinngemäß: Ich würde Sie bitten, dass Teamchef Anchelotti in der Causa Aufstellung, Spielanlage und Umsetzung der Verantwortliche ist. So ist das auch bei uns.

 

Aber wo wäre die Grenze, wo Sie dann einschreiten müssten?
Bei der Auswahl von Spielern und Aufstellung habe ich nicht mitzureden. In Sachen Spielanlage haben wir vom Nationalteam begonnen bis inklusive allen Nachwuchs-Teams eine Spielphilosophie definiert, aber letztendlich geht es um Leitlinien und nicht darum, wie es bei den Medien oft hinterfragt wird, ob ich dem Teamchef diesen oder einen anderen Spieler ans Herz lege. Das ist etwas, was kein qualitativer Sportdirektor mit einem qualitativen Teamchef macht. Auf der anderen Seite gibt es aber Gespräche mit Wertschätzung. Wenn man die wichtigen Punkte aufarbeitet und auf den Tisch bringt, sodass sich der Teamchef dann auch bedankt. So sehe ich die Arbeit eines Sportdirektors: zuarbeitend. Ich kann beeinflussen, in dem ich viele Überlegungen aus der Analyse mit ihm bespreche.

 

Wenn Sie Ihre Analyse der Euro-Spiele betrachten und dann auf den Start der WM-Qualifikation umlegen: Hat das ÖFB-Team dazugelernt und aus den Fehlern gelernt?
Ich habe mir eigentlich gewünscht, dass mit der Euro nach der erfolgreichen Qualifikation ein erfolgreicher Schlusspunkt gesetzt wird, quasi das Tüpfelchen auf dem I. Die große Zielsetzung war, dass wir nach der Gruppenphase weiterkommen. Dass es nach dem erfolgreichen Herbst für uns schwierig wird, habe ich gewusst. Bei allen Teams, auch beim Weltmeister, kann man feststellen, dass sie nach eine erfolgreichen Qualifikation oder einem Turnier leicht abfallen. Nur sind die danach wieder schneller auf Schiene gekommen, sie haben die Mannschaft etwas umgebaut, sind etwas abgefallen aber dann wieder gekommen und haben die Punkte gemacht und die Spiele gewonnen. Das ist uns nicht gelungen.

 

Wobei im ÖFB-Team eigentlich kein Umbau stattgefunden hat?
Bei uns ist der Umbau schwieriger als in Deutschland. Umbau ist vielleicht auch der falsche Ausdruck, Koller hat aber eine neue Perspektive gesetzt. Das ist für mich völlig untergegangen bei der Betrachtung der Journalisten: Schaub, Schöpf, Sabitzer, Lazaro, Gregoritsch sind dazugekommen. Gregoritsch spielt in der Bundesliga und ist ein möglicher Konkurrent von Marc Janko oder auch Nachfolger. Da ist schon etwas passiert. Ich habe aber erwartet, dass wir nach der Euro Schwierigkeiten bekommen. Von den Ergebnissen haben wir den Turnaround bisher auch nicht geschafft.

 

>>> Seite 2 - Ruttensteiner: 'Das beschäftigt mich seit einem Jahr sehr: Reicht es aus, ein Spielsystem zu haben?'

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